27 April 2007

DENKEN MIT BEUYS


Ästhetische Erziehung, die notwendig stets anders werdenden Primärimpulse und das kulturelle Kapital (Denken mit Beuys)

Von Endre Kiss, Budapest


Die letzten dreißig Jahre erhoben zwei umfassende Denkrichtungen in die Stellung der effektiven Gestaltung von Geschichte und Gesellschaft. Uns scheint, dass diese Verschiebung der philosophischen Palette neue, vielleicht sogar überdurchschnittlich produktive Möglichkeiten schafft, Joseph Beuys’ Lebenswerk in dieser neuen Perspektive uns neu zu vergegenwärtigen.

Die eine bestimmend gewordene umfassende philosophische Richtung ist jener Neoliberalismus, der als Erneuerung und Reformulierung des Neopositivismus des Wiener Kreises und der dreißiger Jahre, sowie als neuer und umfassender Typus des neopositivistischen Neoliberalismus (oder des neoliberalen Neopositivismus) gelten kann, der vor allem von jenen formuliert worden ist, die am Marxismus und den den damaligen historischen Formen des realen Sozialismus enttäuscht waren und bei denen diese Desillusionierung auch noch das Ausmaß der Angst und der Empörung wegen Hitlers Machtübernahme erreichte, stellenweise sogar noch überragte.

Es war dieser Typ des spezifisch antikommunistischen Neoliberalismus, der in den vergangenen Jahrzehnten sowohl in der Politik, wie auch in der Wirtschaft und Wirtschaftstheorie, nicht weniger aber auch in der philosophischen Grundlagenforschung in entscheidende Positionen kommen konnte.

Die andere, anfangs angesprochene philosophische Richtung ist der Postmodernismus. Auch der Postmodernismus erzielte seine bestimmende Position nach und wegen der kritischen Schwächung des bis dahin vorherrschenden Neomarxismus (im Falle der Postmoderne spielte auch der Strukturalismus eine ähnlich dezisive Rolle, wie aber auch im Falle des Neoliberalismus/Neopositivismus noch weitere philosophische Richtungen eine Rolle gespielt haben).

Trotz der Tatsache, dass die genannten Jahrzehnte im wesentlichen unter der gemeinsamen Hegemonie dieser beiden umfassenden Strömungen gestanden haben, kamen diese beiden Richtungen nur im allerseltensten Fall in direkte Berührung zueinander.

Diese Frage interessiert uns an dieser Stelle aus dem Grunde, weil sie trotz ihrer nicht nur deutlichen, sondern auch struktur- und diskursbildenden Gegensätzlichkeit in entscheidenden Zusammenhängen auch in einer Relation der Symmetrie miteinander gestanden haben.

Diese Symmetrie-Relation ist es, mit welcher wir die größte Chance haben dürften, Joseph Beuys’ Denken und künstlerisches Werk nunmehr vor dem Horizont unseres Zeitalters auf die Waage zu stellen.

Als symmetrisch erweisen sich die beiden philosophischen Komplexe zunächst darin, dass beide sich wie organisch auf die beiden umfassenden Richtungen der europäischen Philosophie und Politik aufbauen.

Auch ohne ausführliche Dokumentation lässt sich einsehen, dass der Neoliberalismus/Neopositivismus seit den siebziger Jahren zur Denkweise der europäischen konservativen Richtungen geworden ist. Auf der anderen Seite dürfte der postneomarxistische Charakter der postmodernistischen Richtung zweifellos nicht nur vor dem oberflächlichen Zuschauer geheim bleiben, auch die einzelnen philosophischen Akteure haben es erstaunlich lange nicht artikuliert.

Dieses Verständnis will nichts über die tatsächliche Wirkungsgeschichte oder über die eventuellen Ähnlichkeiten oder Entsprechungen aussagen. Es will in keinem Fall als politische Etikettierung auftreten.

Dieser als erster angeführte Zug der Symmetrie ist nur eine faktische Festlegung von morphologischem Charakter, die vor allem dazu dient, Richtungen inhaltlich zu beschreiben und sachlich zu bestimmen.

Dieselben Prozesse hätten im Prinzip auch Joseph Beuys’ Lebenswerk in dieser oder jener Richtung integrieren können. Sein Werk lässt sich mit Hilfe dieser Dualität erfolgreich erschließen.

Erstens ist es historisch notwendig, Denn Beuys’ Wirken fällt unter anderen gerade in jene sechziger und siebziger Jahre, in denen die auseinander herauswachsende komplexe Entfaltung des Neopositivismus/Neoliberalismus und der Postmoderne vor sich ging. In diesem intellektuellen Raum (man dürfte mit vollem Recht sagen: »Zeit-Raum«) lassen sich zahlreiche relevante, wenn nicht eben entscheidende Charakterzüge von Joseph Beuys mit der Chance auf Erfolg beschreiben.

Beuys gehörte ohne jeglichen Zweifel derjenigen intellektuellen und gesinnungsmässigen Gruppierung an, die man zusammenfassend als ›Die Neue Linke‹ situieren kann. Sein wichtigster spezifischer Zug war dabei eben, dass er das Essentielle dieser Attitüde auf eine Weise verkörperte, dass er dabei mit der Ideologie (sowohl im beschreibenden wie auch im wertbeladenen Sinne) derselben Bewegung gar wenig zu tun gehabt hätte.

Mithilfe der Umgangssprache ließe sich dieser Tatbestand so ausdrücken, dass er ein nicht-konventioneller Vertreter der Neuen Linke war. Welche (und wie viele) ideologische Vorschriften diese an sich zweifellos sehr kritische Richtung von ihren Mitstreitern verlangt hatte, können wir an dieser Stelle nicht ausmachen.

Beuys ließ sich jedenfalls von keiner dieser Anforderungen ansprechen. Um einen der wichtigsten Begriffe unseres Versuchs vorwegzunehmen, verkörperte Joseph Beuys eine an der am Antiideologismus grenzende Haltung, deren integrative Idee die von uns von Siegfried Kracauer übernommene Vorstellung der menschlichen Primärimpulse war.

Zur Neuen Linke im breitesten Sinne des Wortes gehörte Joseph Beuys in dem Maße und in dem Sinne, in denen diese Richtung die menschlichen Primärimpulse in einem konkreten historischen und einem ebenso konkreten zivilisatorischen Zeitalter neu formulieren wollte.

Zur Neuen Linke gehörte Beuys in seinem steten Drang zur Reform und Reformierung; nicht zur Neuen Linke gehörte er (selbstverständlich) durch sein Denken über Kunst, sowie durch seine ständige Thematisierung der Religion und des Jesus-Bezugs.

Die historisch stets anders werdenden und doch so erstaunlich gleich bleibenden emanzipierten menschlichen Primärimpulse lassen aber schon zur zweiten integrierenden Eigenschaft im Werk und Denken von Joseph Beuys hinführen, und zwar zur klaren Thematisierung der ästhetischen Erziehung des Menschen.

Joseph Beuys’ ästhetische Erziehung hat klare Bezüge zu Friedrich Schillers ursprünglicher Konzeption (davon zeugt nicht nur ein von ihm motivierte gemeinsame Photoaufnahme mit Andy Warhol, dieser Bezug geht aber auch tiefer, und zwar in die später nicht sehr oft thematisierte Kultur der eigenen Jugend).

An dieser Stelle sei aber schon festgestellt, dass wir die essentielle Dimension des spezifischen und unverwechselbaren Denkens und künstlerischen Werkes von Joseph Beuys gerade in dieser tiefen Verschmelzung der beiden in den Mittelpunkt gestellten Konzepte erblicken.

Es geht um die ästhetische Erziehung als Inbegriff der menschlichen Primärimpulse und die menschlichen Primärimpulse als Motive und Ergebnisse der ästhetischen Erziehung. Forschungen (unter ihnen auch die unseren) erweisen, dass ein Großteil der spezifisch postmodernen Denkschemata aus dem philosophischen Neomarxismus entstand.

Dies hieß aber nie, wie erwähnt, dass wir diesen historisch-philologischen Befund für eine politische Etikettierung nutzen wollten oder dürften. In diesem Sinne erscheint bei Joseph Beuys die nicht kalkulierbare Erscheinung: Seine Nähe zur Neuen Linke führte bei ihm in keinem Sinne zu Phänomenen, die man später als »postmodernistisch« etikettierte. In diesem Zusammenhang hörte die Moderne für Beuys nie auf. Anstatt des in der Postmoderne in zahlreichen Spielarten realisierten radikalen Differenzdenken, werden bei ihm die Wege der Emanzipation beschritten.

Kein Wunder, dass die ästhetische Erziehung (»Jedermann ist ein Künstler«), die Thematisierung der menschlichen Primärimpulse, sowie die des sozialen Kapitals alle auch als Neuformulierung der Emanzipation gelten können. Diese wahre Alternative zum radikalen und konstituiven Differenzdenken der Postmoderne ist nicht neoliberal, während sie in ihrer emanzipativen Ausrichtung alles andere als »antiliberal« wird.

Der als idealtypisch anzusehende Neopositivismus-Neoliberalismus lässt sich vor allem mit den Bestimmungen der Begriffsbildung und dadurch der Wissenschaftslogik physikalistischer Art am adäquatesten charakterisieren. Auf eine nur scheinbar erstaunliche Weise ließe sich auch die Postmoderne im wesentlichen auch durch ihre Regelung der Begriffsbildung und dadurch der Gegenstandskonstitution am adäquatesten beschreiben, diese Modifizierung erscheint allerdings in zwei Idealtypen (die mit den Namen Derrida und Foucault angedeutet werden können).

Obwohl diese beiden Reformen der Begriffsbildung (und dadurch auch der Gegenstandskonstitution) einander nicht im mindesten ähnlich sind, ersteht doch eine Symmetrierelation durch die Tatsache der beiderseitigen Begriffsreform.

Symmetrisch sind die beiden umfassenden Richtungen allerdings auch darin, dass sie jegliche andere Art der Begriffsbildung mit dem schwierigsten und konsequenzenreichsten ideologischen und wissenschaftlichen Verdacht versehen.

Die allseitige Delegitimierung jeglicher anders konzipierten Begriffsbildung führt dann konsequenterweise zur Verunmöglichung auch jeglicher Sinngebung, welche auf die andersartigen Begriffskonstitutionen aufgebaut worden wären.

Die Symmetrie der Reformen der Begriffsbildung wird von der Absicht motiviert, dass auf dem Wege der Neuregelung der Begriffskonstitution ein Versuch gemacht wird, den gesamten Denkprozess neu zu regeln.

Joseph Beuys’ Werk und Denken unterscheidet sich von beiden Richtungen darin, dass sich ihre Fundamente (ästhetische Erziehung, menschliche Primärimpulse, kulturelles-soziales Kapital) solchen Neuformulierungen der philosophischen Begriffsbildung geradezu entziehen.

Dies bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht von begrifflicher Natur wären. Sie bedeutet eher, dass sie solche primären Relationen in der Beziehung des Menschen zur Gesellschaft und zur Geschichte thematisieren, die auf ihre Weise immun gegenüber Modifizierungen der philosophischen Begriffsbildung sind, deren klar einsichtiges Ziel die Aufrichtung einer philosophischen Hegemonie ist.

Dass die Begriffsbildung (vor allem in ihren Konsequenzen auf die Kognition der Gegenstandskonstitution) für Beuys ebenfalls von der größten Wichtigkeit war, ist gewiß. Er äußerte auch oftmals seine Skepsis gegenüber vorgeprägten Begriffskorsetten, deren Macht (in jedem Sinne des Wortes) er nicht nur einfach wahrgenommen, sondern gegen die er – als einer der wenigen, die es überhaupt thematisierten – auch tatkräftig opponiert hatte.

Seine Intentionen sind aber jedoch direkt von der entgegengesetzten Richtung. Er betrachtet den ganzen Prozeß jeder möglichen Reform der Begriffsbildung (die Anfänge des Neupositivismus/Neuliberalismus wie auch des Postmodernismus hat er ja noch erlebt) nicht aus der Perspektive der Schule (die je »vorschreiben« will), sondern aus der Perspektive des sich artikulierenden Einzelnen, während die Richtung und die Inhalte dieser Selbstverwirklichung für ihn nicht nur nicht bestimmt werden können, sondern auch nicht bestimmt werden dürfen.

Was in ihnen von Relevanz ist, ist allein die Fähigkeit, ob die kreative und emanzipative Realisierung der menschlichen Primärimpulse, die Praxis der ästhetischen Erziehung und die Akkumulation des sozialen Kapitals (auch in der Form der Kunst als Kapital) dabei möglich sind oder nicht.

Es ist geradezu paradigmatisch, dass diese durchaus markante Intentionalität es ist, die aus Beuys praktisch in jeder Periode und in jedem Zusammenhang seiner Tätigkeit wie auf einen Schlag einen Sozialreformer macht. Die Gesellschaft wird ihm an dem Punkt relevant, an dem die Entfaltung menschlicher Primärimpulse in Frage kommt.

Es ist alles andere als nebensächlich, dass diese Forderung bei ihm zutiefst »demokratisch« ist, sie wird im Namen von jedem Einzelnen gestellt, sie ist nicht einer Minorität von auserlesenen Werteträgern vorbehalten. Diese »anthropologisch« ausgerichtete Auffassung über Demokratie (und wie es früher thematisch war: Liberalismus) ist von den entscheidenden Ansätzen von Beuys (ästhetische Erziehung, Primärimpulse, soziales Kapital) in keiner Hinsicht zu trennen.

Die sozialreformerischen Aktivitäten von Joseph Beuys auf der Grundlage der für jeden sicherzustellenden Entfaltung der menschlichen Primärimpulse, vor allem der Kreativität und der Authentizität, markieren einen scharfen Unterschied zu den nunmehr ebenfalls sozialen Konsequenzen der neoliberal/neopositivistischen und der postmodernen Begriffsbildung und philosophischen Gegenstandskonstitution.

Denn diese Reformierung(en) der Begriffsbildung/Gegenstandskonstitution kann zu einer tiefgehenden Desorientierung der sozialen Praxis auch in dem Fall kommen, wenn keine diesbezüglichen Absichten vorliegen. Die spezifisch postmoderne Ausdehnung der Begriffsbildung und Gegenstandskonstitution führt unter anderen zu einer umfassenden Kontingenz, die ab ovo jegliche Allgemeingültigkeit ausschließt, mit Beuys zu reden, etwa auch die der Konzepte der ästhetischen Erziehung oder der menschlichen Primärimpulse.

Die spezifisch neopositivistisch/neoliberale Begriffsbildung und Gegenstandskonstitution repräsentiert – und darüber sprachen wir schon in dieser Arbeit – ebenfalls eine Normativität, die für andere Konzepte einen unmißverständlichen Ausschließungscharakter hatten.

Diese Symmetrie führt wieder in einer Richtung, die wieder gemeinsam zwischen diesen beiden Strömungen und zu Joseph Beuys diametral entgegengesetzt ist.

Diesen beiden umfassenden Richtungen ist es also gemeinsam, dass ohne eine »richtige« philosophische Attitüde eine praktische Durchführung der spezifisch normierten Begriffsbildung überhaupt nicht möglich ist. Mit anderen Worten heißt es so viel, dass diese spezifische Begriffsbildung ohne eine vorangehende Missionierung überhaupt nicht möglich ist, was wieder mit anderen Worten so viel heißt, dass es praktisch keine naive postmoderne (und neoliberale) Einstellung gibt und jemals geben kann.

Zunächst wird aber die richtige Attitüde vorgeschrieben, aufgrund derer die richtigen Denkbewegungen erst in Bewegung zu bringen wären.

Bei Beuys ist es charakteristischerweise schier unvorstellbar. Die grundsätzlichen Bestimmungen der »richtigen« Attüde rühren bei ihm von umfassenden emanzipativen Wertsetzungen und sind nicht von methodologischen Denkvorschriften abhängig. Die emanzipativen Werte lassen sich weder (neoliberal) vorschreiben, noch (postmodernistisch) in einer uferlosen Kontingenz aufgehoben werden.

Joseph Beuys exzelliert in diesem Zusammenhang sogar auch noch darin, dass seine emanzipativen Konzepte die Realisierung dieser Werte voll und ganz dem Individuum überlassen. Seine Regelung ist auch dann noch eindeutig, wenn sie einzig durch die Freiheit des Einzelnen realisiert werden kann. Er stellt somit eine fleischgewordene Alternative sowohl zur (neoliberalen) Normierung, wie auch zur (postmodernen) Kontingenz von Begriffsbildung, Gegenstandskonstitution und menschlicher Praxis.

Joseph Beuys geht über die ästhetische Moderne hinaus, ohne die politisch-emanzipative Moderne zu transzendieren. Die unerwarteten Symmetrierelationen zwischen Neoliberalismus/Neopositivismus und Postmoderne schaffen deshalb eine Situation, in der wir heute mit Joseph Beuys durchaus denken können.

Dieses Denken ist auf der einen Seite alles andere als leicht, schon aus dem Grunde, weil beide umfassenden Strömungen es geradezu vorschreiben, wie das »richtige« Denken ausschauen muß.

Auf der anderen Seite ist dieses Denken aber wirklich nicht schwierig. Es ist es aus dem Grunde nicht, weil man in jeder Konfrontation mit der aktuellen Wirklichkeitsproblematik die drei wichtigsten Komponenten von Beuys’ Denken und Werk wiederfindet: die problematische Zukunft menschlicher Primärimpulse, die problematische Zukunft einer in heutigem Sinne verstandenen ästhetischen Erziehung (»Jedermann ist Künstler«) und die problematische Zukunft des sozialen Kapitals (»Kunst als Kapital« in jeder möglichen Lesart dieser Aussage).



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